Ist Selbermachen nachhaltig?

Eigentlich wollte ich heute einen ganz anderen Blogbeitrag schreiben. Aber es hat mir so in den Fingern gekribbelt, dass ich einfach losschreiben musste – und ich hoffe, dass ich mich nicht gleich um Kopf und Kragen schreibe.

Gestern hat Filiz auf Instagram eine sehr spannende Diskussion angestoßen. Sie hat sich gefragt, warum so oft DIY und Upcycling in einem Atemzug mit Nachhaltigkeit genannt werden und ob das überhaupt stimmt. Die Gespräche in den Kommentaren waren lebhaft und mich hat das Thema noch eine ganze Weile umgetrieben. Deswegen bewerfe euch an dieser Stelle einfach mal mit meinen Gedanken dazu.

Was ist eigentlich nachhaltig?

Mal ganz unter uns: Das Wort Nachhaltigkeit ist ein ziemliches Buzzword. Macht viel Lärm, aber man weiß eigentlich nicht so richtig, was einem das sagen möchte. Oder jeder denkt sich seinen Teil dazu. Es klingt ja ökologisch sinnvoll und ist bestimmt gut für die Umwelt. Und außerdem macht es weniger Müll und vielleicht ist es auch plastikfrei …

Ich bin Nachhaltigkeits-Wortskeptiker.
Ich finde weniger Müll prima und eine intakte Umwelt sehr wünschenswert. Ich finde es ein bisschen albern, dass Plastik gerade zur neuen Todsünde erklärt wird (der nächste logische Schritt wären dann Ablassbriefe – ups, das hatten wir schon mal), ich bin aber durchaus dafür, Produkte zu entwickeln und zu kaufen, die möglichst lange funktionieren (und ästhetisch ansprechend sind) und halte Kauf-mich-und-wirf-mich-dann-weg-Artikel für eine ziemliche Katastrophe.
Allein, Nachhaltigkeit ist oft nicht viel mehr als ein hübsches Etikett. Ein Marketingwort, das mir ein gutes Gefühl gibt, wenn ich etwas kaufe. Und ich störe mich daran, dass es einen moralischen Beigeschmack bekommt, denn auf diese Ebene gehört es nicht.

Versteht mich nicht falsch, ich habe Hochachtung vor allen, die sich kritisch mit ihrem Konsumverhalten auseinandersetzen und versuchen, sehr bewusst mit Ressourcen umzugehen. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass das der „nachhaltigste“ Weg ist: Für sich selbst herauszufinden, wie viel genug ist, was ich brauche und was ich nicht brauche. Und dankbar die Dinge zu genießen, die man hat.

Aber zurück zur Frage:

Wie sieht es denn jetzt mit DIY und Selbermachen aus, ist das nachhaltig?

Ich glaube nicht, dass Selbermachen an sich umweltfreundlicher ist. Wenn ich ständig neues Material kaufe und Zeug bastle, das wieder in die Tonne wandert, ist das nicht umweltfreundlicher, als anderen Kram zu kaufen.
Wahrscheinlich ist es bei manchen Dingen sogar energie- und ressourceneffizienter größere Mengen industriell herzustellen.

Trotzdem denke ich, dass Selbermachen absolut nachhaltig ist. Und zwar deswegen:

Nachhaltigkeitseffekt 1:
Du lernst, wie Dinge funktionieren. Wenn du weißt, wie etwas funktioniert, kannst du es bei Bedarf auch reparieren und musst es nicht immer gleich wegwerfen. Spart außerdem Geld und manchen Handwerkertermin.

Nachhaltigkeitseffekt 2:
Wenn du Dinge in Handarbeit selbst herstellst, weißt du, wie viel Zeit, Mühe und Können in Produkten steckt. Du kannst beurteilen, ob das Billigteil im Laden hochwertig und gut verarbeitet ist (und nicht beim ersten Windhauch kaputt geht) oder nicht.
Und vielleicht (das ist jedenfalls meine romantische Vorstellung), konsumierst du dann auch  bewusster, entscheidest dich für Qualität statt Masse.

Nachhaltigkeitseffekt 3:
Du musst nichts kaufen, um einen kleinen Kick zu bekommen. Dinge selbst zu gestalten und kreativ zu werden ist so begfriedigend (außer man hat mal einen totalen DIY-Fail, das kommt vor), dass Kaufen um des Kaufens Willen seinen Reiz verliert. Man könnte in der Zeit schließlich auch etwas selbermachen. Jedenfalls geht mir das so.

Der ultimative Nachhaltigkeitseffekt:
Wenn du kreativ wirst, etwas selbermachst, neue Fähigkeiten erwirbst … ist das so nachhaltig wie es nur gehen kann. Du entwickelst dich dabei, du stellst fest, was alles in dir steckt, du lernst, du wirst besser und du hast einfach nur Freude an dem, was du kannst. Das prägt dich positiv. Und zwar nachhaltig 🙂 Das hat einen Effekt, der sehr lange anhält und sich weiter verstärkt. Cool, nicht?

Mein Fazit: Ob DIY und Selbermachen im ökologischen Sinne (oder welchem auch immer) nachhaltig sind, hängt mal wieder davon ab, was man macht, warum und überhaupt. Es ist leider relativ. Das Gute: Man braucht dieses Etikett gar nicht, der Wert des Selbermachens liegt an anderer Stelle.

Im eigentlichen Wortsinn habe ich aber keine Zweifel: Selbermachen ist absolut nachhaltig, weil es etwas mit dir macht und dich positiv und anhaltend prägt.

Also los, mach was! Werde kreativ, hab Freude daran!

 

Ich bin beeindruckt, dass du bis hierher gelesen hast. Vielleicht schüttelst du ja entsetzt den Kopf. Oder siehst das genauso. Oder anders. Oder gar nicht. Du kannst gern deine Meinung zum Thema in den Kommentaren hinterlassen.

Nachhaltigste Grüße
Anne

 

 

 

2 Kommentare

  1. Ich sehe es ähnlich wie du. An jeder Ecke stolpert man über dieses Wort ‚Nachhaltigkeit‘. Ich finde es toll, dass bei den Menschen endlich ein Um- und Nachdenken in Bezug auf Lebensmittelverschwendung, Müllvermeidung und Umweltschutz geschieht. Allzu oft wird aber der mahnende Zeigefinger erhoben und Dinge, die ‚früher‘ Alltäglich waren, werden heute verteufelt. Deinen Ansatz, seine ‚eigene‘ Nachhaltigkeit in Bezug auf DIY-Sachen zu schaffen, finde ich prima. Aus diesem Blickwinkel hab ich das noch gar nicht gesehen!

    • Stimmt. Die Sache an sich ist prima, auf den erhobenen Zeigefinger kann ich auch gut verzichten.
      Der Nachteil des Nachhaltigkeitsbegriffs, ist irgendwie auch wieder ein Vorteil: Er ist so schwammig, dass er Platz hat für alle möglichen Blickwinkel und Ansätze 🙂
      Vielen Dank für deinen Kommentar!

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