Von der Kunst, Erinnerungen zu schaffen

Schöne Momente in Erinnerung behalten

Das Gedächtnis ist schon komisch. Da erinnert man sich – als wäre es gestern gewesen – an Spielplatzabenteuer aus dem Kindergarten und bekommt nicht mehr auf die Reihe, was man am vorletzten Wochenende gemacht hat. Welche der vielen Eindrücke und Erlebnisse bleiben eigentlich da oben hängen? Und warum?

Ich bin nicht besonders nostalgisch. Ich blicke lieber nach vorn als zurück. Aber ich habe auch festgestellt, dass die vielen guten Dinge und schönen Momente in meinem Leben so schnell im Gedächtnis verblassen. Dann sitzt du an deiner Arbeit, draußen nieselt es, und du denkst, dass in deinem Leben nie was passiert, obwohl du vor 1,5 Wochen noch völlig aus dem Häuschen warst, weil so viele coole Dinge passieren.

Kennt das noch jemand?

Immer wenn ich also meine Erinnerungen auffrische und ein bisschen in der Vergangenheit stöbere, wird mir wieder warm ums Herz und ich stelle fest, dass ich mich beim besten Willen nicht beklagen kann. Es ist nämlich gar nicht so, dass keine schönen bis großartigen Dinge passieren. Es ist nur so, dass ich sie in Windeseile wieder aus dem Blick verliere.
Aber wenn ich sie wiederentdecke, fühle ich mich regelmäßig reich beschenkt, als würde ich einen vergessenen Schatz heben.
Allerdings ist diese Vorgehensweise so zufallsabhängig. Es muss doch auch anders gehen.
Und möglicherweise tut es das auch.

Für angenehme Erinnerungen muss man im Voraus sorgen.

Paul Hörbiger

Da hat er einen spannenden Satz gesagt, der Herr Hörbiger. Um Erinnerungen sollte man sich also im Vorfeld kümmern. Man kann das mit einem Augenzwinkern lesen, man könnte es aber auch ein bisschen wörtlich nehmen.

Im Englischen ist mir schon häufiger der Ausdruck „we are making/creating memories“ untergekommen. Die deutsche Entsprechung „wir schaffen uns Erinnerungen“ ist mir in freier Wildbahn noch nie begegnet. Aber ich finde es spannend, dass man die Sache mit den Erinnerungen auch als aktiven Prozess betrachten kann und nicht nur als etwas, das passiv und irgendwie aus Versehen geschieht.

Wie schafft man überhaupt Erinnerungen?

Eine spannende Frage. Ich bin kein Neurowissenschaftler und kann nur aus eigener Erfahrung und Gelesenem schließen, allerdings sind mir ein paar Faktoren aufgefallen, die dafür sorgen, dass einem etwas in Erinnerung bleibt.

  1. Starke Emotionen. Freude, Liebe, Geborgenheit, Glück – alles, was wir in einer ungewöhnlich starken Intensität erleben, prägt sich tief ins Gedächtnis ein (das gilt auch für die negativen Gefühle).
  2. Sinneseindrücke. Am intensivsten wirkt übrigens der Geruchssinn. Hat vermutlich jeder schon einmal erlebt: Ein ganz bestimmter Geruch oder Duft triggert eine Erinnerung bzw. ein Gefühl, das mit dieser Erinnerung verbunden ist. Frisch gemähtes Gras riecht zum Beispiel nach unbeschwerten Sommertagen aus meiner Kindheit. Warum ausgerechnet der Geruchssinn so unmittelbar wirkt, darüber sind sich die Wissenschaftler noch nicht ganz einig.
  3. Aufmerksamkeit. Der Grund, warum wir uns an viele Dinge nicht erinnern, liegt darin, dass wir ihnen nicht wirklich Aufmerksamkeit schenken, in Gedanken schon wieder woanders sind oder mehrere Dinge parallel tun. Je mehr Aufmerksamkeit du einer Sache schenkst, desto wahrscheinlicher ist es, dass du dich daran erinnerst.

Was heißt das praktisch für meine Erinnerungen?

Wie etwas riecht, oder ob ich gerade überwältigt bin vor Glück, das lässt sich ja nur schlecht steuern. Aber es gibt tatsächlich eine Sache, die man beeinflussen kann: die eigene Aufmerksamkeit.

Ich wette, du kannst dich noch an viele der Dinge erinnern, die du zum ersten Mal gemacht hast. Dafür hast du nämlich noch keine (Handlungs-)Muster abgespeichert und dein Gehirn kann nicht sagen „Ja, kenn ich, machen wir wie immer.“
Du bist mit deiner ganzen Aufmerksamkeit dabei und hoch konzentriert.

Du willst Erinnerungen schaffen? Dann mach mal wieder etwas zum ersten Mal. Das geht auch gemeinsam mit Familie und Freunden. Mach was Neues – es muss ja nicht gleich ein Fallschirmsprung sein. Wer ganz sachte beginnen will, besucht einen Stadtteil, in dem er noch nie war oder macht einen Tanzkurs oder kocht zu Haus Sushi (natürlich nur, wenn du das noch nie gemacht hast).

Die Geheimformel lautet also: neue Situation = volle Aufmerksamkeit = Erinnerung

Für Fortgeschrittene: Wenn du feststellst, dass du dich gerade in einer erinnerungswürdigen Situation befindest, dann schaffe eine Erinnerung. Sei wirklich anwesend in diesem Moment. Nimm möglichst viel um dich herum wahr und setze deine Sinne ein. Blühen die Bäume und duften? Brennt die Sonne auf der Haut? Wie klingt dein Moment, wie sieht er aus, wie fühlt er sich an, wie schmeckt er?

Die Erinnerungsformel für Fortgeschrittene: ein wunderbarer Moment + die Sinne schärfen = Erinnerung

Das funktioniert tatsächlich. Ich war schon an einigen Orten, die ich so schön fand, dass ich sie mir ganz bewusst eingeprägt habe. Meistens gab es einen dominanten Sinneseindruck (der Duft von Orangenblüten oder das Rauschen der Wellen). Wenn ich will, kann ich jetzt die Augen schließen und in Gedanken an diesen Ort zurückreisen.

Und wie finde ich diese Erinnerung wieder?

Wir haben also schöne Erinnerungen geschaffen. Nur: Die hat man ja trotzdem nicht ständig parat. Du faltest sie säuberlich zusammen und verstaust sie in einer Truhe deines Gehirns, die für Erinnerungen zuständig ist. Da liegt sie dann, in diesem Schatzkästchen – so lange, bis du sie mal wieder hervorholst, ausschüttelst und betrachtest. Und dann überrascht feststellst, welch ein Schatz sich da angesammelt hat.

Du brauchst eine Erinnerungshilfe für deine Erinnerungen, einen Auslöser, der dich dazu bringt, deine Schatztruhe durchzusehen. Hier kommt der beste Teil. (Danke, dass du bis hierhin durchgehalten hast, ich ziehe meinen Hut vor dir.) Es macht nämlich sehr viel Spaß solche Erinnerungsauslöser zu kreieren. Damit wir hier nicht bei der blanken Theorie bleiben, habe ich eine kleine (nicht vollständige) Ideenliste für Erinnerungshilfen zusammengestellt.

Fotos

Sie dürften wohl die beliebteste Erinnerungsstütze sein. Tatsächlich habe ich immer wieder Spaß daran, das Archiv meiner Handy-Fotos durchzusehen oder in den Bilderordnern auf meinem Rechner zu stöbern.
Der Nachteil: Wenn du mit Fotografieren beschäftigt bist, kannst du dich nicht gleichzeitig aufmerksam auf den Moment konzentrieren (Multitasking ist nicht). Du hast also ein schönes Foto und weißt, wie es dort aussah, die anderen Sinne durften aber leider nicht mitspielen.

Souvenirs

Es ist kein Zufall, dass sich Andenken solcher Beliebtheit erfreuen (und das nicht erst seit gestern). Diese greifbaren Erinnerungsstücke sind nämlich genau das: Trigger für Erinnerungen. Es muss ja nicht immer Plastik-Kitsch sein und auch nicht immer aus dem Urlaub. Wenn Souvenirs Gebrauchsgegenstände werden, nimmt man die eigenen Geschichten regelmäßig zur Hand.

Kreativ-Tipp: Beschrifte ein dekoratives Glas und wirf im Laufe einer bestimmten Zeit (z.B. eines Sommers oder eines Jahres) all die kleinen Alltags-Souvenirs hinein, die sich so ansammeln. Am Ende des Jahres oder an einem besonders trüben Tag, packst du deine Schätze aus und machst genau das, was man mit Souvenirs macht: Du erinnerst dich an die schönen Momente.

Notizen und Tagebücher

Meine liebste Form des Erinnerungensammelns. Etwas mit der Hand aufzuschreiben dauert zwar länger als ein Schnappschuss vor Ort, es prägt sich aber tiefer ein und schafft einzigartige und persönliche Andenken. Der Eiffelturm wird jedes Jahr vermutlich Millionen Mal fotografiert. Wenn du deine Eindrücke beschreibst, eine Skizze machst oder eine Anekdote in Paris festhältst, hast du eine einzigartige Erinnerung geschaffen.
Wenn du tiefer in das Thema einsteigen willst, findest du hier einen ausführlichen Beitrag übers Reisetagebuch-Schreiben.

Und jetzt du. Sammle schöne Erinnerungen! Den Geheimtrick dafür kennst du jetzt ja: Sei einfach aufmerksam.

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Stapel handgebundener Buecher fuer Erinnerungen und Holzlettern, die das Wort story ergeben

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