Slow Living

Wie lebt man eigentlich langsamer?

Hat dich schon mal das Gefühl beschlichen, dass dein Leben an dir vorbeirauscht? Bist du manchmal so beschäftigt, dass dich alles kribbelig macht, was nicht nach Plan läuft? Hängt deine To-do-Liste wie ein Damokles-Schwert über dir?

Ja, ja und ja. Ich finde mich definitiv zu oft in diesen Fragen wieder. Nicht immer, aber es gibt Wochen – und Monate -, in denen das Leben so viel Fahrt aufnimmt, dass man Angst vor einem Geschwindigkeitsrausch bekommen könnte.

In einer solchen Phase bin ich über den Begriff Slow Living gestolpert. Klingt das nicht gut? Einfach langsamer leben? Für mich hört sich das verlockend an. Ein bisschen nach Nostalgie und Zeit und einer mechanischen Schreibmaschine, die im Rhythmus der eigenen Gedanken klappert, währende man versonnen an einer Tasse exzellentem Tee nippt.

Nun besitze ich eine alte Schreibmaschine, möchte aber wirklich keine längeren Texte darauf schreiben müssen – den Tee nehme ich jedoch gern – und ich ich habe mich gefragt, ob Slow Living nur ein schönes Sehnsuchtswort ist, oder ob mehr dahinter steckt. Womöglich etwas, das auch im Alltag funktioniert, ohne dass man als Aussteiger sein Dasein in einer Waldhütte fristen muss.

Also habe ich recherchiert. Und ich erzähle dir, was sich eigentlich hinter dem hübschen Begriff verbirgt, was es nicht ist und wie du und ich davon mehr in unser Leben holen können. Setz dich gemütlich hin, hol dir einen Tee oder Kaffee, dann geht es los.

Was ist Slow Living überhaupt?

Die Anfänge hinter diesem Schlagwort gehen auf die Slow-Food-Bewegung der 80er zurück, als man sich darauf besann, wieder bewusst und achtsam zu essen, Tischgemeinschaft und Konversation zu pflegen und nicht alles nur nebenbei herunterzuschlingen. Der Gegenpol zum damals so modernen Fast Food.
Diese Grundidee des bewussten und achtsamen Essens kann man natürlich auch auf den Rest des Lebens übertragen.

Der erste Slow-Living-Grundsatz lautet deshalb:
Nimm das Tempo raus, damit du wieder Freude an den Dingen spüren kannst, die du tust. Und damit du überhaupt mitbekommst, was du tust.

Ich finde es spannend, dass mich die Langsamkeit immer stärker anzieht, denn ich bin kein geduldiger Mensch. Ich kann schnell: schnell reagieren, schnell denken, schnell erledigen. Aber schnell hat auch Schattenseiten. Es lässt sich nicht beliebig steigern. Schnelligkeit kostet viel Energie. Und man verliert dabei zwangsweise den Blick für Details und beraubt sich selbst eines großen Teils seines Lebens.

Es gibt da dieses alte Sprichwort: „Gut Ding will Weile haben“. Manche Dinge brauchen einfach Zeit. Wachstum lässt sich zum Beispiel nicht beschleunigen. Und wenn doch, kommt selten etwas wirklich Großartiges dabei heraus (lass Tomaten schneller wachsen und sie lagern einfach nur mehr Wasser ein).

Ich möchte sogar behaupten, dass das wichtigste Wachstum unsichtbar stattfindet. Wie bei Bäumen, die ihre Wurzeln bilden. Oben können noch so viele Blätter und Blüten sein – wenn nicht genügend Wurzeln vorhanden sind, macht ein Baum das nicht lange mit. Aber Wurzelwachstum macht nicht viel her. Man sieht überhaupt nicht, dass etwas passiert. Und es dauert so lange …

Ich glaube, dass das im Leben auch oft so ist. Es braucht Zeit und Ruhe und Langsamkeit, damit Dinge in die Tiefe gehen können. Und oft sind es gerade die Zeiten, die wenig spektakulär sind und die nach nichts aussehen, sich aber im Nachhinein als entscheidende Phasen herausstellen.

Weil wir aber in unserer Gesellschaft so sehr auf schnelle und vorzeigbare Ergebnisse aus sind, messen wir den wichtigsten Dingen – unseren Wurzeln oder Fundamenten – wenig Wert zu und räumen ihnen entsprechend wenig Zeit ein.

Deswegen der zweiter Slow-Living-Grundsatz:
Den wirklich wichtigen Dingen muss man Zeit lassen und Priorität einräumen – auch wenn man lange keine beeindruckenden Ergebnisse vorweisen kann. Ohne Wurzeln und Fundament ist nichts stabil und von Dauer.

Was es nicht ist …

Slow Living ist ein Sehnsuchtswort und eigentlich ein Lebensstil, deswegen lässt sich natürlich viel damit verknüpfen. Aber manche Themen, die man so im Fahrwasser findet, treffen den Kern der Sache nicht wirklich.

… ein Wohntrend

Wer Slow Living googelt, bekommt viele Möbel- und Einrichtungsvorschläge angezeigt, gern zusammen mit dem Schlagwort „Hygge“. Das ist nett, denn auch wenn man langsamer lebt, kann man es schön haben. Inhaltlich hat es allerdings nicht viel miteinander zu tun. Slow Living ist keine Designfrage, sondern eine Lebenshaltung.

… Minimalismus

Wer slow bzw. langsamer lebt, muss nicht gleichzeitig minimalistisch unterwegs sein. Natürlich machen Dinge Arbeit und sie binden Ressourcen (Zeit und Platz zum Beispiel). Die stehen dann an anderer Stelle nicht mehr zur Verfügung. Wenn ich regelmäßig 120 Porzellanfigürchen umsortiere und abstaube, macht das den Alltag sicher nicht leerer. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass man auch als durchschnittlich eingerichteter Mensch langsamer leben kann und nicht zum Vollblut-Minimalisten werden muss.

… Nichtstun

Man könnte auch zu dem Schluss kommen, dass man dann am langsamsten lebt, wenn man einfach gar nichts mehr macht und stattdessen däumchendrehend in der Ecke sitzt und dem Tag beim Vorübergehen zusieht. Aber das trifft die Sache genausowenig wie der Ansatz, sich möglichst viel Zeit für Aufgaben zu lassen und Projekte endlos herauszuzögern. Das Gegenteil ist der Fall.
Slow Living kann sehr wohl produktiv sein, es ist nur mit klaren Prioritäten und klaren Neins verbunden.

Wie bringt man das ins echte Leben?

Slow Living ist mein Sehnsuchtswort – aber eines, das ich wenigstens phasenweise und in kleinen Stücken in meinem Alltag holen möchte.

Wenn ich länger darüber nachdenke, ist dieser Lebensstil eine unglaublich erwachsene Sache. Du musst den Dingen in deinem Leben ihre Priorität zuweisen. Es gibt Ja und es gibt Nein. Es gibt Arbeit und es gibt Ruhe. Es gibt das will ich und das nicht.

Das ist weder neu noch aufregend. Es ist ein uraltes Prinzip, das danach verlangt, Verantwortung fürs eigene Leben zu übernehmen. Das perfide an unserer Zeit ist nur, dass viel zu viele Mechanismen genutzt werden, die genau das verhindern. Alle wollen etwas von deiner Zeit. Und sie kämpfen nicht immer fair darum. Deswegen ist es an uns, zu lernen, Grenzen zu setzen und die auch zu verteidigen. Und sich regelmäßig daran zu erinnern, was einem eigentlich wichtig ist.

10 handfeste Slow-Living-Ideen

Du willst auch langsamer Leben oder wenigstens ab und an bewusster das Tempo reduzieren? Hier sind 10 Ideen, die sehr zuverlässig funktionieren. Keine Sache ist kompliziert, aber alle brauchen ein wenig Zeit und Aufmerksamkeit.

1. Finde deine Prioritäten

Zuerst musst du wissen, was du willst, damit du weißt, an welcher Stelle du Ja und an welcher du Nein sagen solltest. Was ist dir wirklich wichtig, vieviel Zeit und Energie hast du dafür und steht beides in einem sinnvollen Verhältnis?

Deine Prioritäten sollten ganz unbedingt bei den Dingen liegen, die Wurzeln und Fundament für dein Leben sind. Du weißt schon, die Dinge, die nach außen nicht sehr spektakulär aussehen.

Wenn du dir diese Fragen wirklich ernsthaft stellst (ich empfehle übrigens, dazu ein Journal zu nutzen, und die Gedanken aufzuschreiben), geht es dir vielleicht so wie mir: Du weißt ziemlich genau, was für dich die wichtigsten Dinge im Leben sind und worauf du dich stützt, was du brauchst, um gut durch den Alltag zu kommen. Trotzdem kommt es oft vor, dass diese Dinge gerade keine Priorität haben, sondern man hält sie für selbstverständlich und wirft ihnen Zeit- und Energiebrocken hin, die eben noch übrig sind.
Das funktioniert eine ganze Weile, aber nicht auf Dauer. Das Gute: Man kann es jederzeit ändern. Es kann übrigens auch sein, dass sich Prioritäten im Laufe des Lebens verschieben. Immer mal wieder nachschauen, hilft.

2. Streiche großzügig, was nicht dazu gehört

Unwichtige Dinge neigen dazu, laut um Aufmerksamkeit zu werben. Sie sollten sich aber mit den Resten deiner Zeit und Energie zufrieden geben. Setze immer wieder den Rotstift an und sortiere Terminplan und To-do-Liste aus. Ohne schlechtes Gewissen.

3. Trenne dich von Überflüssigem

Ich möchte niemandem die 120-teilige Prozellanfigürchen-Sammlung madig machen. Trotzdem tut es gut, sich regelmäßig von Zeug zu trennen, dass du weder brauchst, noch willst. Ausmisten macht den Kopf freier (Notiz an mich selbst: Es stehen noch zwei Kartons mit unklarem Inhalt im Keller). Was überflüssig ist, musst du dir übrigens nicht von anderen vorschreiben lassen. Ich will zum Beispiel nicht ohne volle Bücherregale leben, auch wenn das gegen jeden Trend geht. Prioritäten und so.

4. Übe Achtsamkeit

Über diesen Punkt lassen sich ganze Bücher schreiben. Hoppla – es gibt ganze Bücher darüber … In einem Satz zusammengefasst: Sei mit deiner Aufmerksamkeit bei den Dingen, die du gerade tust. Nimm Momente bewusst wahr, beziehe alle Sinne ein. Schau hin, rieche, schmecke, fühle. Das braucht Zeit, lässt dich aber garantiert in der Gegenwart ankommen.

5. Lass etwas Rand in deinem Leben

Ein breiter Rand von Muße ist im Leben eines Menschen ebenso schön wie in einem Buche.

Henry Thoreau

Unverplante Zeit mag nach Luxus aussehen, aber den darfst und solltest du dir als angehender Slow-Living-Praktizierer gönnen. Wann ist dir das letzte Mal langweilig gewesen? Und ich meine nicht, wann du völlig erschöpft auf dem Sofa gesessen hast, unfähig, noch irgendetwas Sinnvolles zu tun.

Zeit ist nicht nur dann gut, wenn man sie mit scheinbarer Produktivität füllt. Zeiten, in denen du einfach nur bist, sind genauso wichtig. Mach mal nichts, plane Pausen ein, freu dich an Zeitlücken …

6. Schaffe Strukturen und Rituale

Du musst das Rad nicht immer wieder neu erfinden. Rituale, Gewohnheiten und Strukturen haben null Glam-Faktor, ich weiß. Aber wenn das Leben wild tobt, bieten sie ein wirklich hilfreiches Gerüst, um den Alltag zu bewältigen und einen guten Lebensrhythmus zu finden.

Vielleicht willst du dir morgens oder abends eine neue Gewohnheit zulegen. Wie man zu solchen Gewohnheiten kommt, kannst du hier nachlesen.

Aber auch im Jahreslauf oder im Kirchenjahr gibt es Rituale und Strukturen, die das Leben in seiner Vielfältigkeit aufgreifen und für einen guten Rhythmus sorgen.

7. Schränke deinen Informationskonsum ein

Wieviel Drama will und muss ich in Echtzeit verfolgen? Früher brachte die Tageszeitung die News von gestern und die Tagesschau war ein paar Stunden aktueller. Heute kann ich alles sofort im Livestream verfolgen. Da aber alle um Aufmerksamkeit kämpfen, wird alles immer dramatischer. Gefühlt stehen wir alles drei Wochen am Rande der Apokalypse. Ich gebe zu: Das stress micht.

Wenn ich Urlaub habe, schaue ich mir überhaupt keine Nachrichten an. Weder online, noch im Fernsehen, noch in Zeitungen. Das Verrückte? Ich habe noch nie etwas Wichtiges verpasst.

Im Alltag kann ich es mir nicht leisten, unterm Stein zu leben, aber ich habe einfach keine Lust mehr auf Dauerdramen und verschaffe mir nur einen groben Überblick, über das, was passiert. Lieber einen ausführlichen Artikel, wenn sich die Situationen geklärt haben, als Mutmaßungen im Minutentakt. Ich wähle viel stärker aus, was ich konsumiere und gönne mir regelmäßig Offline-Zeite.

8. Geh nach draußen

Zeit in der Natur zu verbringen, hat nur Vorteile. Ein Spaziergang durch Wald und Wiesen reduziert Stress, bringt dein Lebenstempo auf verträglich und fordert deine Aufmerksamkeit. Wenn du gehst, läufst oder joggst, wird es automatisch ruhiger in deinem Kopf. Ich weiß nicht, was es ist, aber der regelmäßige Laufrhythmus schüttelt die Gedanken wieder an den richtigen Ort. Kleine und größere Spaziergänge lassen sich auch sehr gut als Achtsamkeitsübung nutzen.

In der Natur wirst du außerdem immer wieder daran erinnert, dass alles seine Zeit braucht.

9. Mach etwas selbst, von Grund auf, mit deinen eigenen Händen

Ganz egal, ob es Brot ist, das du selbst bäckst oder ein Kleid, das du nähst, ob du Sonnenblumen aus Samen züchtest oder ein Vogelhäuschen baust … Wenn du etwas ganz und gar selbst machst, dauert es immer viel länger, als es fertig zu kaufen. Aber das ist lange nicht so befriedigend, wie das Ergebnis der eigenen Arbeit in den Händen zu halten. Du siehst auf diese Weise nämlich, dass du etwas bewirken kannst.

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10. Tue etwas mit Sorgfalt

Ich bin ein großer Fan des Pareto-Prinzips. Das besagt, dass man 80% der Arbeit in 20% der Zeit schafft. Für das letzte Stückchen Weg bis zur Perfektion braucht man sage und schreibe 80% der Arbeit und Aufmerksamkeit. Und das stimmt eigentlich immer.

Wenn man viel auf dem Zettel hat, ist Pareto der Freund, der einem hilft, nicht mit Pauken und Trompeten unterzugehen. Und Perfektionismus bremst mich sowieso viel zu oft aus.
Aber das Pareto-Prinzip sorgt auch für ein wirklich hohes Tempo.

Als Ausgleich gönne ich mir immer wieder „Projekte“, bei denen ich Zeit völlig außen vor lassen. Etwas selbst zu machen und dabei alle Sorgfalt und Aufmerksamkeit einzusetzen, die man hat, ist ein zuverlässiger Weg, um zu entschleunigen. Am besten klappt das übrigens bei Projekten, die ein klares Ende haben – das sind meistens kreative Projekte oder Dinge, die du mit den Händen machst.

Wie lebst du langsamer? Wenn du gute Erfahrungen und Tipps gesammelt hast, dann ergänze sie doch einfach in den Kommentaren!

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