Listen fürs Tagebuch

Was sie können und wie sie funktionieren

Bullet Journaler nutzen sie häufig, in Tagebüchern findet man sie eher selten: Listen.
Was so aufregend klingt wie ein altes Butterbrot, ist in Wirklichkeit eine Tagebuchtechnik, die es in sich hat. Du bist skeptisch? Kann ich verstehen, aber vielleicht änderst du nach diesem Artikel ja deine Meinung.

Ich gebe zu, dass „Listen schreiben“ sich nicht nach dem ganz großen Glamour anhört. Du hast vermutlich automatisch die Einkaufsliste oder die To-do-Liste oder von mir aus die Packliste für den nächsten Urlaub vor Augen (Corona-Erfahrene wälzen sich lachend auf dem Boden: Sie hat Urlaub gesagt …). Was kann sich darauf schon Interessantes verbergen? Nicht viel, es sei denn, der Mann hat die Einkaufsliste ergänzt. 

Aber dieser erste Eindruck täuscht. Listen können viel mehr, als dir vor Augen zu führen, wie viele Aufgaben du noch nicht erledigt hast. Ihre Superkraft steckt in ihrer Form:

Listen beschränken sich auf die wesentlichen Informationen. Sie sind knapp gehalten, übersichtlich und haben ein klares Thema. Sie helfen dabei, ein Gedankenknäuel zu entwirren, sie schaffen Struktur und sie können Dinge sichtbar machen, die du vorher nicht auf dem Schirm hattest. 

Das macht sie zum Schweizer Taschenmesser unter den Schreibtechniken, denn du kannst sie für sehr unterschiedliche Zwecke einsetzen. Da du die einzelnen Punkte kurz halten musst, ist diese Form auch für alle gut geeignet, die eigentlich nicht so gern so viel schreiben.

Vier Listenformen, die du ausprobieren solltest

Die Fülle der Möglichkeiten zeigt sich erst so richtig, wenn man Listen ganz unterschiedlicher Arten und Zwecke anschaut. Ich habe sie der Übersichtlichkeit halber in vier Kategorien eingeteilt:

Listen, um sich zu organisieren
Listen, um Erinnerungen festzuhalten
Listen, um sich selbst besser zu verstehen
Listen zur Inspiration

Listen, um sich zu organisieren

Dieser Punkt kommt nicht überraschend, denn in genau diese Kategorie fällt all das, was einem landläufig bei diesem Thema in den Sinn kommt. Orga-Listen, To-dos … du weißt schon.

Solche Listen zu schreiben, kann sehr, sehr befreiend wirken. Nämlich immer dann, wenn man nicht weiß, wo einem eigentlich der Kopf steht, wenn die Gedanken Fangen spielen und du dich gerade völlig überfordert fühlst.

Schreib eine Liste zu einem dieser Themen:

  • Alles, was mir gerade durch den Kopf geht
  • Woran ich heute/diese Woche/diesen Monat unbedingt denken muss
  • Das muss ich alles erledigen

Die Liste muss nicht kurz sein, lass dir ruhig 10 Minuten dafür Zeit und schreibe so lange, bis du alles aus dem Kopf aufs Papier gebracht hast. Und ja, du kannst das tatsächlich in dein Tagebuch schreiben, denn solche Listen dokumentieren dein Leben genauso wie alles andere.

Diese Liste ist übrigens keine Arbeitsliste, das ist deine Meta-Liste, die zum Kopfaufräumen dient. Wenn du sie fertig geschrieben hast, schließt sich Schritt zwei an: Lies dir deine Liste durch und entscheide, was mit den Punkten passieren soll.

Interessante bis seltsame Gedankenfetzen lässt du einfach so stehen. Aufgaben, Besorgungen, Dinge, die du veranlassen musst, überträgst du an die Stelle, an die sie gehören. Heißt, du machst aus deiner Alles-muss-aus-dem-Kopf-Metaliste handliche Aufgabenlisten für die Woche, für den einzelnen Tag oder für Aktionen wie „Einkauf“.

Darüber, wie man To-dos, Aufgaben und Erledigungen organisiert, gibt es gefühlte Bilbiotheksbestände an Material (als Basis ist der „Getting Things Done“-Ansatz bzw. „Wie ich Dinge geregelt kriege“ von David Allen ein wirklich empfehlenswerter Klassiker).

Nimm dir regelmäßig Zeit, um den ganzen Krempel aus dem Hirn auf eine Liste zu schieben. Das reduziert die Last, die man empfindet, wenn man immer alles im Kopf behalten muss. Wenn du einen Überblick hast, wirken die meisten Dinge viel weniger bedrohlich. Und vor allem kannst du bewusst entscheiden, was jetzt wichtig ist und was noch Zeit hat.

Listen, um Erinnerungen festzuhalten

Manchmal habe ich richtig viel Lust auf Tagesrückblicke und darauf, Erinnerungen und Erlebnisse ausführlich festzuhalten. Im Urlaub mache ich das fast immer und wenn gerade viel passiert, versuche ich es zumindest. 

Aber so mitten im ganz normalen Alltag fehlt mir meistens die Lust Energie und Zeit dafür. Und so viel Aufregendes passiert ja auch nicht. Allerdings ist der ganz normale Alltag auch genau die Zeit, die irgendwie so schnell an einem vorbeirauscht und je älter man wird, desto schneller zerrinnt sie zwischen den Fingern. Am Ende eines Monats weiß man noch dunkel, dass in den letzten Wochen viel los war, aber die vielen kleinen besonderen Momente sind längst vergessen.

Abhilfe schafft hier – du ahnst es – eine Liste.

Selbst wenn man nicht jeden Abend eine halbe Stunde lang über die Ereignisse des Tages schreiben möchte (und du hast dafür mein vollstes Verständnis), findet man ohne Probleme 2-3 Minuten vor dem Schlafengehen, um fünf Punkte auf eine Liste zu setzen.

Was möchtest du gern von einem ganz normalen Tag erinnern? Wähle das als Thema deiner Liste. Bei mir sind es die kleinen Momente, die kurz aufleuchten und dann ganz schnell wieder vergessen sind.

Das könnte so aussehen:

  • Wofür ich heute dankbar war
  • Was mich heute gefreut hat
  • Das ist heute passiert
  • Das Aufregendste des Tages war …

Schreib wenigstens drei Punkte auf deine Liste, vielleicht sogar fünf. Fünf Punkte fordern dich ein ganz kleines bisschen dazu heraus, wirklich kurz über den Tag nachzudenken und nicht nur das Offensichtlichste aufzuschreiben.

Listen, um Unbewusstes und die wirklich spannenden Dinge zu entdecken

Diese Liste hat es in sich: Es ist die Liste der 100 Dinge. Das Konzept stammt von Kathleen Adams und als ich zum ersten Mal darüber gelesen habe, dachte ich, dass die Sache doch sicherlich ein bisschen übertrieben sei und schneller gehen müsse. Ich habe mich getäuscht.

Diese Art von Listen lässt dich einen Blick unter die Oberfläche werfen und du kannst sie über jedes Thema schreiben, das dich gerade beschäftigt. Sie ist sowohl als Brainstorming-Methode geeignet als auch dafür, Problemen und Sorgen auf den Grund zu gehen.

Wie funktioniert sie?

Such dir ein Thema, dem du nachgehen möchtest. Das können so unterschiedliche Dinge sein wie:

  • Ideen, um die Kinder zu beschäftigen
  • Dinge, die mich zum Lachen bringen
  • Ängste, die ich im Moment habe
  • Dinge, die ich unbedingt mal machen möchte
  • Talente, die ich habe
  • Dinge, die ich nie beendet habe

So weit, so gut.
Wenn du dein Thema hast, setzt du dich hin und schreibst 100 Punkte dazu auf deine Liste. Ja, 100. Folgendes solltest du dabei beachten:

  1. Schreibe deine Einträge möglichst schnell und ohne ewig darüber nachzudenken hintereinander auf. Zack, zack, zack.
  2. Wiederholungen sind völlig okay und sogar fest eingeplant.
  3. Stichpunkte reichen, du musst keine vollständigen Sätze schreiben.
  4. Es ist völlig okay, wenn deine Einträge keinen Sinn ergeben.
  5. Du darfst dich wiederholen.
  6. Schreibe alles auf, was dir dazu einfällt und dann schreibe weiter, bis du die 100 erreicht hast (am besten nummerierst du die Liste vorher schon).

Im ersten Moment erscheint dir das vermutlich etwas seltsam und überflüssig, aber du solltest das unbedingt mal probieren. Warum? Weil die Chancen gut stehen, dass durch diese lange Liste einiges nach oben gespült wird, was sonst nur im Unterbewusstsein herumdümpelt.

Kathleen Adams schreibt, dass solche 100er-Listen meistens drei Teile haben. Die ersten 30+ Einträge bergen keine großen Überraschungen. Das ist der Teil, den man entspannt mit dem bestreiten kann, was man an bewussten Informationen im Kopf hat.
Im zweiten Drittel tauchen immer mehr Wiederholungen auf und es bilden sich „Themen“ heraus.
Im letzten Drittel kommt schließlich das Unterbewusstsein zum Spielen heraus und du überrascht dich selbst mit den Dingen, die du dort aufgeschrieben hast. Adams Erfahrung nach tauchen irgendwo in den 80er bis 90er-Reihen manchmal richtige Knaller auf. Einträge auf die du im Leben nicht gekommen wärst.

Die Erfahrung kann ich übrigens bestätigen. 100er-Listen sind geniale Ideengeneratoren. Die meisten Menschen geben nach den ersten 10-20 Ideen auf. Das richtig gute Zeug passiert aber erst, wenn man weitermacht, obwohl man denkt, dass einem nichts mehr einfällt. Irgendwo im letzten Drittel verstecken sich oft echte Perlen.

Auch bei intensiveren und persönlichen Themen ist das so. Du stößt oft zum Kern der Sache vor, den du vorher noch nie so deutlich wahrgenommen hast.

Deswegen gehört ein zweiter Schritt unbedingt zu deiner 100er-Liste: das Durchsehen.

Schau dir an, was du geschrieben hast und markiere alle Einträge, die zu einem Thema gehören. Das gibt dir einen guten Eindruck davon, was dich tatsächlich umtreibt. Nach diesem zweiten Schritt kannst du auch überlegen, wie du mit deinen Erkenntnissen verfahren möchtest.

Übrigens dauert es im Gegensatz zu meinen Vermutungen gar nicht so lange, solch einer Liste zu schreiben. 20-30 Minuten braucht man für eine 100er-Liste.

Listen für Inspiration

Und noch eine Sache kannst du in Listenform schnell abrufbar hinterlegen: deine persönliche Inspiration.

Diese Listen musst du nicht in einem Rutsch schreiben, du kannst sie immer weiter ergänzen. Sie sind deine Anlaufstelle, wenn du spontan Ermutigung oder Inspiration brauchst.

Am besten gewinnst du solche Listen aus anderen Listen. Sie sind quasi das Destillat deiner besten Gedanken und Erlebnisse. 100er Listen sind eine gute Basis dafür, aber auch Listen, auf denen du Erinnerungen festhältst, kannst du dafür nutzen.

Inspirationslisten sollten nicht zu lang sein. 10-20 Punkte sind eine gute Größe dafür. Ihr Ziel ist es, dich auf einen Blick an das zu erinnern, was du gerade brauchst.

Eine Happy-Liste ist zum Beispiel so etwas. Sammle Dinge, die dich glücklich machen. Wenn deine Stimmung auf Sinnkflug geht, dann kannst du jederzeit nachschauen, auf welche bewährten Mittel du zurückgreifen könntest.

Ideen für Inspirationslisten:

  • Schreib die schönsten Komplimente auf, die du je bekommen hast.
  • Oder Dinge, auf die du wirklich stolz bist.
  • Schwierige Aufgaben, die du gemeistert hast.
  • Menschen, die dir viel bedeuten und an die du regelmäßig denken willst.
  • Pläne, die du für dieses Jahr hast.
  • Verrückte Sachen, die du mal ausprobieren möchtest.

Du siehst, so eine Inspirationsliste kann auch ganz verschiedene Themen haben. Sie soll einerseits dafür sorgen, dass du die guten und schönen Seiten deines Lebens bewusst abrufen kannst, wenn dir alles grau und trübe erscheint. Und sie kann ein Ansporn sein und dir die Vorhaben und Pläne vor Augen halten, die man schnell vergisst.

Jetzt musst du nur noch dafür sorgen, dass du deine Inspirationsliste(n) auch immer wieder anschaust und durchliest.

Wie hältst du es mit den Listen? Schreibst du welche? Magst du Listen? Hast du gute Erfahrungen damit gemacht? Schreib es in die Kommentare!

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